Im Vordergrund eurasicher Luchs (Lynx lynx). Im Hintergrund europäicher Wolf (Canis lupus)

Im Vordergrund europäischer Wolf (Canis lupus) . Im Hintergrund eurasischer Luchs (Lynx lynx).

SKELETTE VON LUCHS UND WOLF
GEDANKEN ZU ZWEI EUROPÄISCHEN TOPPRÄDATOREN

Die hier abgebildeten Skelette stammen von adulten männlichen Tieren, die Verkehrsopfer wurden; der Luchs kam durch Straßenverkehr zu Tode, der Wolf verendete bei der Kollision mit einem Schienenfahrzeug. Beide Tiere besaßen zum Todeszeitpunkt gute körperliche Kondition. Die Skelette wurden durch FeliCites präpariert und für die weitere anatomische und forensische Untersuchung korrekt rekonstruiert.

Vergleicht man das Skelett des eurasischen Luches, Lynx lynx (Linnaeus, 1758) mit dem des Wolfes, Canis lupus (Linnaeus, 1758), so fallen tierartspezifische morphologische Unterschiede auf, die Rückschlüsse auf Lebensweise und Ernährung zulassen.
Hier werden einige aufgeführt:

Der Luchsschädel ist ein typischer Kleinkatzenschädel mit kurzem Gesichtsschädel und gut ausgeprägtem Hirnschädel, dessen Crista sagittalis nur schwach ausgebildet ist. Der kurze Gesichtsschädel dürfte in Verbindung mit der guten Positionierung der Augen im Hirnschädel binokulares Sehen durchaus begünstigen. Das Gebiss ist reduziert, Zahnformel 3-1-2-1/3-1-2-1 = 28, wobei sich die spitzen Eckzähne (Canini/Fangzähne) durch beträchtliche Länge und relativ schlanke Gestalt auszeichnen. Das z. B. beim Wolf sehr markant ausgeprägte Brechscherengebiss, gebildet beiderseits aus dem 4. Prämolaren des Oberkiefers und dem 1. Molaren des Unterkiefers, ist beim Luchs eher als Schneidscherengebiss ausgebildet, zum Zerbrechen von stärkeren Knochen eignet es sich wenig. Das Schneidscherengebiss des Luchses eignet sich, wie das Gebiss aller Katzenartigen nur zum Abtrennen/Abschneiden von Muskelfleisch.

Beim Wolf ist der Gesichtsschädel deutlich länger als beim Luchs. Das Gebiss mit der für Hundeartige typischen Zahnformel 3-1-4-2/3-1-4-3 = 42, verfügt über ein hervorragend funktionierendes Brechscherengebiss (4. Prämolar des Oberkiefers und 1. Molar des Unterkiefers). Die Eckzähne (Canini) sind relativ kürzer und massiger als beim Luchs und weniger spitz. Auf Grund ihrer stärkeren Krümmung eignen sie sich auch besser zum festhalten von Beutetieren.

 Die beiden Skelette weisen ungefähr gleiche Schulterhöhe, mit längeren Dornfortsätzen der Brustwirbel und massiveren Rippen beim Wolf, auf. Die Rippen des Luchses sind zarter und auch die Brusttiefe ist geringer als beim Wolf. Der Rippenkörper beim Wolf ist flach und breit, er ist gebaut als Stütze einer großen Lunge, Herz und anderer inneren Organe, die Ausdauer in der Bewegung erkennen lassen. Der Brustkorb wirkt massiv. Auffallend ist, dass die Wirbelsäule des Luchses nach hinten (caudal) deutlich ansteigt, während sie beim Wolf caudal leicht abfällt, allerdings nicht so bizarr wie z.B. bei manchen Zuchtlinien der Haushunde. Ohne Ursache und Wirkung trennscharf erklären zu können, auffallend ist beim Luchs die beachtliche Länge der großen Röhrenknochen der Hintergliedmaßen: Sowohl Femur als auch Tibia sind relativ und absolut länger als beim Wolf. Abgesehen davon, dass alle Katzenartigen keine ausdauernden Läufer sind, das Überbautsein würde keinen stundenlangen Schnürtrab erlauben, die dem Wolf ermöglichen, 40 bis 50 km am Stück recht energiesparend zurückzulegen. In Verbindung mit „maßgeschneiderten“ Muskeln und Sehnen garantiert die „überbaute Hinterhand“ dem Luchs Sprünge (weit, hoch-weit und hoch), die dem Wolf verwehrt bleiben. Und in Verbindung mit seinen mit scharfen Krallen bewehrten Pfoten dürften die langen Hinterbeine die schnelle Flucht auf rettenden Baum wirkungsvoll unterstützen.